0 image description GRUNDBILDUNG, 21, Juni 2013

BIVO: DIE ZEMENTIERUNG DER VERGANGENHEIT IST NICHT DIE LÖSUNG DER ZUKUNFT

Eine heftige und kontroverse Diskussion um den BiVo-Inhalt ist erwünscht und notwendig. Bei allem Respekt für die Inputs aus gegenteiligen Richtungen: Das Modell einer heutigen BiVo ist veraltet. Die BiVo hat ein strukturelles Problem, weil sie völlig unflexibel die jüngste Vergangenheit in die naheliegende Zukunft hinüberretten will. Das alte Denken, dass «alles» in die ersten vier Berufsjahre hineingepackt werden soll, herrscht hüben wie drüben vor. Der Streitpunkt ist im Moment Englisch vs. Französisch und Technik vs. Gestaltung. Aber zielt das nicht an den Jungs und Mädels vorbei?

Wie ich’s schon verschiedentlich veröffentlicht habe, geht es bei der Grundbildung nicht nur um Fachliches. Eines der Ziele der dualen Berufsbildung ist es, Jugendlichen überhaupt einen Einstieg in die Berufswelt zu ermöglichen. Das ist dann möglich, wenn es den Betrieben möglich ist, Lehrplätze zu schaffen und die Jungen aufzunehmen. Betriebe werden jedoch nur Lehrlinge ausbilden, wenn sie die Voraussetzungen und Kompetenzen dafür aufweisen. Hier liegt nun der Hase im Pfeffer.

Wenn eine BiVo tendenziell so aufgebaut ist, dass vieles mit Taxationstufen wie ein Schullehrplan in Stein gemeisselt wird, dann werden sich zwangsläufig immer mehr Beriebe davon verabschieden. Mit anderen Worten: Weshalb soll es einem gestalterisch ausgerichteten Betrieb (wie wir es sind) nicht möglich sein, Lehrlinge auszubilden, obwohl die technische Kompetenz nicht vorhanden ist? Weshalb soll es einem technisch ausgerichteten Betrieb nicht möglich sein, Lehrlinge auszubilden, obwohl er Gestaltung nicht vermitteln kann?

Der zweite Punkt ist die Marktfähigkeit. Ein Lehrling soll nach der Lehre mit seinem beruflichen Ruckssack eine Stelle finden und sein Leben in die eigenen Hände nehmen können. Das ist bei beiden oben erwähnten Beispielen der Fall. Eine moderne BiVo muss aus meiner Sicht, der Heterogenität der «Branche» Rechnung tragen, und genau dies tut sie nicht. Sie nimmt «das Mittel» aller Betriebe und schreibt von allem etwas hinein.

Schon die alte BiVo hängt diesem unseligen Konzept nach. Ich erinnere an Internet und Multimedia «auf Programmierstufe», was kaum seriös ausgebildet und nie geprüft wurde. Das Wort «Mogelpackung» ist auf dieses Thema bezogen absolut berechtigt. Seht euch einmal die Hochglanzbroschüren an, die der Viscom veröffentlicht, das sieht man Faksimile-Studiofotografie und andere ganz tolle Beschäftigungen der jungen Polygrafen.

Die träge Branche hat die BiVo aber weitgehend ignoriert und bildet nach praktischen Kriterien aus, es geht auch ohne BiVo, ohne Multimedia und ohne Internet. Umgekehrt geht es auch ohne Print oder ohne Gestaltung. Da die LAP insgesamt auf dem Bleisatzniveau der 80er-Jahre stehengeblieben ist (Stichwort Bild-AVOR) werden die eigentlichen Kompetenzen gar nicht geprüft. Wetten, dass ein durchschnittlich begabter Berufsbildner einen Quereinsteiger nach einem Jahr intensiver schulischer und praktischer Ausbildung locker durch die praktische LAP bringt? Die praktische LAP ist heute weitgehend eine Farce. Sie ist ein Persilschein im Sinn der Bildungsverantwortlichen, die damit sagen: «Seht, wir haben alles richtig gemacht, alle sind durchgekommen!» Die Unabhängigkeit der kantonalen Prüfungskommissionen ist nicht mehr gewährleistet. Das macht heute der gleiche Verband, der das Paradigma «Wer schult, prüft nicht» verletzt.

Die BiVo ist deshalb eine Totgeburt – wie auch immer sie herauskommen wird – weil sie auf die strukturellen und betrieblichen Verschiedenheiten nicht angemessen und konzeptionell reagiert. Weil sie immer redaktionell im Umklaren bleiben muss und somit den Betrieben nicht wirklich hilft, schwammige Vorgaben konkret umzusetzen. Da Bund, Kantone und Verbände offenbar eine BiVo brauchen und fest an ihre eigene Lebenslüge glauben, bleibt den Betrieben nur, entweder die BiVo mehr oder weniger zu ignorieren und die eigene Praxis zum Leitfaden für eine vernünftige Ausbildung zu nehmen. Was heute weitgehend schon der Fall ist. Oder andererseits die BiVo ernst zu nehmen und sich allenfalls von der Polagrafenausbildung zu verabschieden.

Die wirklichen Reformpunkte werden nicht diskutiert und ich kann es nur wiederholen: Man muss die Ausbildungsthemen konsequenter auf die Lernorte verteilen. Es gibt Themen, die lassen sich besser in einem Klassenverband ausbilden, z.B. Gestaltung oder Grundlagen generell. Das Internet wurde bisher überhaupt nicht in die Ausbildung mit einbezogen: Lernplattformen, wo die Lehrer an gemeinsamen Lehrmitteln arbeiten (jetzt arbeitet jeder für sich), Übungsaufgaben wo sich die Betriebe ebenfalls einbringen können. Die Austauschmöglichkeiten von Lehrlingen in anderen Betrieben war eine andere Mogelpackung, die der Viscom propagierte, und die nicht einmal sterben durfte, weil sie überhaupt nie auf die Welt kam. Blockunterricht in der Schule, an dem die Lehrlinge über längere Zeit theoretisch und praktisch in Projektwochen arbeiten können. Die jetzigen teuren üK sind völlig überflüssig, wenn sie in den Schulunterricht integriert würden. Eigentlich sind sie eine «Bankrotterklärung» der Betriebe, gewisse Themen nicht mehr ausbilden zu können. Von einem modernen Denkansatz aus gesehen sind sie richtig. Denn sie können Themen in die Ausbildung integrieren, die Betriebe weniger gut leisten können. Es kann aber doch nicht sein, dass in einem ersten Ük Grundeinstellungen gepaukt werden und auch sonst nicht sehr viel innovatives völlig isoliert geschult wird. Geschweige denn, dass es bewertet und geprüft wird. 28 ÜK Tage, sind es glaube ich, verteilt auf 7 Kurse, pro Kurs vier Tage, an dem dann Multimedia geübt wird? Die Branche wird vom Viscom mit Millionenausgaben an Zwangsabgaben belastet, die überhaupt nicht notwendig sind, wenn man einmal Effizienz in der Ausbildung zum Massstab nimmt.

So wird es kommen wie gehabt, im Westen nichts Neues. Die Hoffnung bleibt, dass es auch Köpfe gibt, die sich nicht in den Tiefen der BVo «Schlachten» liefern, während die eigentlichen Refompunkte woanders liegen: Lehrplätze für möglichst viele schaffen, Marktfähigkeit für die Lehrabgänger mit unterschiedlichen Fähigkeiten und intelligente Vernetzung der Lerninhalte, Lernmethoden und Lernorte.

Ralf Turtschi

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