0 image description GRUNDBILDUNG, 2, Juli 2013

BIVO POLYGRAF: DES PUDELS KERN

Es ist aus meiner Sicht schon erstaunlich, wie die ganze Diskussion von Seiten der Trägerschaft geführt wird. Sie wird, absichtlich oder nicht, auf ein Nebengleis geschoben: Die Sprachkompetenzen und die damit verbundene Typografie. Gemäss unserer Stellungnahme anlässlich der internen Vernehmlassung haben wir diese Punkte, ausser dass wir Englisch statt Französisch vorgeschlagen haben, nicht grundsätzlich in Frage gestellt, im Gegenteil. Wir haben sogar noch eine Erhöhung der vorgesehenen Anzahl Lektionen vorgeschlagen. Unseren Lehrbetrieben ging es und geht es jedoch nach wie vor um den vergleichsweise zu hohen Stellenwert der sprachlichen Kompetenzen innerhalb der gesamten Bildungsverordnung. Die Sprachkompetenzen erhalten in Ermangelung zahlreicher weiterer, aus unserer Sicht nötiger Handlungskompetenzen ein verhältnismässig zu starkes Gewicht. Sie kommen im Grunde tatsächlich wie blühende Oasen in einer kargen Wüste daher. Nur wäre die Wüste alles andere als karg. In Projektmanagement, der Anwendung der Informationstechnologien im Medienbereich und der Aufbereitung mediengerechter Daten böten sich Handlungskompetenzen an, die für viele produktionsorientierte Lehrbetriebe wichtig wären und den lernenden Polygrafinnen und Polygrafen ein in der Druckindustrie verlangtes Rüstzeug für eine erfolgreiche berufliche Karriere mit auf den Weg geben würden. Aber eben… Die Informationstechnologien bleiben für Polygrafinnen und Polygrafen scheinbar ein fremdes Feld, obwohl die datenbankgestützte digitale Medienproduktion weiter zunehmen wird. Und hier liegt doch des Pudels Kern!

Die verantwortliche Trägerschaft hält sich bei diesen Diskussionspunkten vornehm zurück. Sie hüllt sich in Schweigen, wenn es um die Anliegen vieler produzierender Lehrbetriebe nach mehr Handlungskompetenzen im technischen Bereich geht. Dass die Diskussion über eine sinnvolle künftige Grundbildung von Polygrafen und die berechtigten Anliegen und Bedürfnisse zahlreicher ausbildender Lehrbetriebe nun öffentlich geführt wird, liegt allein in der nicht wahrnehmbaren Bereitschaft der verantwortlichen Trägerschaft, ihr Augenmerk auf die tatsächlichen Gegebenheiten in vielen Lehrbetrieben zu richten und sich gegenüber ihren Anliegen offen zu zeigen.

Der VSD hat im Rahmen der Vernehmlassung eine aufwändig erstellte Stellungnahme eingebracht. Dies unter Einbezug unserer Mitglieder und somit gestützt auf deren betriebliche Realitäten. Die Eingaben dieser Druckbetriebe standen eindeutig im Widerspruch zum Entwurf der BiVo Polygraf. Das Resultat unserer Bemühungen war einmal mehr ernüchternd: Kein einziger Punkt unserer Eingabe wurde von der Berufsentwicklung und Qualität Polygrafie (BeQu Polygrafie) berücksichtigt. Wir als Organisation der Arbeitswelt warten immer noch auf eine Antwort auf unsere Stellungnahme.

Nun, der Markt wird es richten: Die Lehrbetriebe werden darüber entscheiden, ob sie unter den gegebenen Umständen noch Polygrafen ausbilden oder nach Alternativen Ausschau halten wollen. Und einige werden das Ganze sicher auch pragmatisch angehen, sie werden im Lehrbetrieb den Lernenden dasjenige vermitteln, das ihrer Praxis entspricht, vollkommen unabhängig davon, was in der Bildungsverordnung steht. Aber kann und darf das wirklich das Ziel sein? – Ich denke nicht! Das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) sollte den Inhabern Ausweis dafür sein, dass sie die in der Bildungsverordnung festgehaltenen Kompetenzen auch besitzen. Wenn dies nicht mehr garantiert ist, ist auch der Wert des EFZ in Frage gestellt. Und das sollte auch den Aufsicht führenden Kantonen und dem Staatssekretariates für Bildung und Innovation nicht gleichgültig sein. Schliesslich ist die duale Berufsbildung in der Schweiz im Grossen und Ganzen ein Erfolgsmodell.

Die Reform der Grundbildung stellt wichtige Weichen und sollte in der Branche möglichst breit abgestützt sein. Voraussetzungen für einen solchen Konsens sind Argumente, Diskussionen und gutschweizerische Kompromisse. Dazu gehört aber auch Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit in Form einer breiten Debatte um das Thema. Diese findet nun statt, und es würde der Trägerschaft gut anstehen, sich selber mit guten Argumenten einzubringen.

René Theiler, Bildungsverantwortlicher VSD

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