0 image description TECHNIK, 12, Juli 2013

AUSBILDUNG UND BERUFSCHANCEN IN DER DRUCK- UND MEDIENINDUSTRIE

Die Ausbildung in Drucktechnologie ist schon seit jeher ein breiter und spannender Mix aus naturwissenschaftlichen Grundlagen, Verfahrenstechnik, Betriebswirtschaft/Management, Materialkunde und – in zunehmenden Maße – IT-Technologie. In den letzten Jahren kann man jedoch beobachten, dass Druckereien sich immer mehr spezialisieren. Aus der Vogelperspektive lassen sich dabei die zwei folgenden Richtungen ausmachen: Zum Einen hat man die Internetdruckereien mit Web2Print-Systemen als einzigen Vertriebskanal, streng durchorganisierten Produktionsabläufen, Standardisierungen und höchster Effizienz. Auf der anderen Seite sind die Druckereien, die sich mehr mit speziellen Produktentwicklungen beschäftigen, die außergewöhnliche Materialen einsetzen und die vor allem in den Veredelungen und bei Weiterverarbeitungsprozessen immer neue Wege beschreiten. Zur letzteren Kategorie gehören vor allem Verpackungsbetriebe und Akzidenzdrucker, die mit kreativen Werbeagenturen und Buchherstellern zusammen arbeiten. Beide Marktbereiche wurden noch vor einem Jahrzehnt von ein und derselben Druckerei bedient. Mittlerweile ist jedoch hier die Schere weit auseinander gegangen und nicht nur die Mediendienstleister, sondern auch die Studenten der Drucktechnologie müssen sich mittelfristig entscheiden, für welche Kategorie sie arbeiten möchten. Und es bedarf keiner Kristallkugel um vorherzusagen, dass die Schere dieser beiden Bereiche sich in Zukunft noch weiter öffnet wird.

Doch die Scherenmetapher ist nur bis zu einem gewissen Grad richtig: Denn es gibt eine ständige Migration von dem einem Marktbereich zum anderen. Was heute noch außergewöhnlich und sehr speziell ist, kann morgen nämlich durchaus schon von einer Internetdruckerei abgedeckt werden – wenn die Nachfrage groß genug ist und die Produktionsprozesse sich vereinheitlichen lassen. Und so müssen sich diejenigen, die außergewöhnliche Printprodukte produzieren, sich wieder neue Dinge einfallen lassen, um sich von dem Standard abzuheben.
Bei aller Spezialisierung haben beide Bereiche natürlich auch viele Gemeinsamkeiten. Selbst Technologien, die man spontan nur einem der Bereiche zuordnen möchte, sind häufig für beide gleichermaßen wichtig. Beispielsweise würde man das Schlagwort „Workflow-Optimierung“ spontan zunächst nur für ein bedeutendes Thema für Internetdruckereien halten. Doch bei näherer Betrachtung sind das Auftragsmanagement und die Automatisierung der Produktionsprozesse vielleicht gerade für die andere Gruppe von Druckereien ganz besonders wichtig, die sehr flexibel auf unterschiedliche Kundenanforderung reagieren muss. Das gerade genannte Gemisch an Kenntnissen, das die Mediendienstleister an ihre zukünftigen Mitarbeiter stellen, wird dabei immer vielfältiger. Mit der Verbreitung elektronischer Medien haben sich natürlich die erforderlichen Produktionsverfahren erheblich verändert und erweitert. Und es wird sicher so sein, dass Kenntnisse über die Produktion von Printprodukten allein in der Zukunft häufig nicht mehr ausreichen. Viele derzeitige Studenten werden später mit der Organisation cross-medialer Campagnen und der Produktion mit unterschiedlichen Ausgabekanälen betraut. Und das wird nicht notwendiger Weise nur in Druckereien erfolgen, sondern immer mehr auch bei Unternehmen außerhalb der graphischen Industrie, die technisch versierte Printbuyer und Produktioner für ihre Marketingabteilungen benötigen.

Man kann aber zwei gemeinsame Basistechnologien für die Bereiche Print und elektronische Medien benennen: Das ist zum einen das gute, alte PDF als Container für die Content-Daten und zum anderen XML. Die eXtensible Markup Language ist dabei wie ein Wandlungskünstler und taucht in allen möglichen Gebieten wieder auf, sei es als Metadatenformat zur Produkt- und Produktionsbeschreibung in der Druckindustrie (wie das Job Definition Format), sei es bei strukturierten Dokumenten, die beim Cross-Media-Publishing Verwendung finden oder sei es als Ausgabeformat wie das Epub für Ebooks. Mit diesen beiden Technologien müssen sich folglich heutzutage Studenten der Medientechnologie intensiv auseinander setzen. Doch um einem Missverständnis vorzubeugen: Ich meine nicht, dass die Druckindustrie es nötig habe, sich auf den fahrenden Zug der elektronische Medien „aufzuspringen“. Denn sie ist – weltweit gesehen – ein weiterhin wachsender Industriebereich und das auf dem immens hohen Niveau von knapp 800 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr. Nein es geht hier also nicht um das vielbeschworene Überleben der Druckindustrie – das steht außer Frage – sondern vielmehr um die Konvergenz scheinbar disparater Medien. Das wird natürlich strukturelle Veränderungen in der Medienbranche nach sich ziehen – so wie es auch in den letzten Jahrzehnten bereits viele innovative Veränderungen in der Druckproduktion gab. Und die Studenten, die heute Druck- und Medientechnologie studieren, haben mit Sicherheit in der Zukunft die weiterhin spannende und wichtige Aufgabe, diesen Veränderungsprozess zu begleiten und zu gestalten.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Hoffmann-Walbeck, Hochschule der Medien, Stuttgart, aus Agfa Graphics ePression Newsletter, Ausgabe Juli 2013
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