0 image description TECHNIK, 17, Februar 2014

Denkanstösse für Fusionsromantiker

Gehören Sie auch zu denjenigen, welche die geplatzte Fusion zwischen den beiden Arbeitgeberverbänden Viscom und VSD nach wie vor als verpasste Chance bedauern? Das Thema hallt in zahlreichen persönlichen Gesprächen immer noch nach, höchste Zeit also, mit ein paar Denkfehlern und Vorurteilen aufzuräumen.

Die Voraussetzung für eine Liebesheirat ist eine möglichst grosse Schnittmenge an Interessen, Wünschen, Vorstellungen und Zukunftskonzepten. Und natürlich gehört auch die Liebe zu einer erfolgversprechenden amourösen Vermählung. Im Falle der beiden Verbände ersetzen wir das einmal mit Sympathien und Vertrauen, basierend auf positiven Erfahrungen. Merken Sie, wie die Fusionsidee bereits auf wackeligen Beinen steht? Gescheiterte Strangulierungsstrategien und Jahre der destruktiven Rivalität zwischen den Verbänden haben die Gefühlslage nachhaltig vergiftet, es herrschen Misstrauen und gegenseitige Ablehnung.

Nicht viel besser sieht es bei den Gemeinsamkeiten des vielerorts herbeigesehnten Brautpaares aus. Egal ob Grund- und Weiterbildung, Berufsbildungsfonds, GAV, Nachhaltigkeit, Heimatschutz oder Standards – zu unterschiedlich sind die Sichtweisen und Konzepte. Seit Jahren liegen sich die Verbände entlang dieser Bruchlinien in den Haaren, ohne sichtbare Vorschritte in Form einer Annäherung der Positionen. In einem gemeinsamen Haushalt hätten wir dann entweder permanenten Ehekrach oder die Stimmen der Andersdenkenden würden unter dem Diktat von Mehrheitsentscheiden verstummen.

Wenn man sich diese Rahmenbedingungen einmal vor Augen hält, so kann ich das Vermählungsangebot ohne rot zu werden als das bezeichnen, was es im Grunde genommen war: die Einverleibung eines Rivalen mit einem potenten Mitgliederportfolio und einer verlockenden Mitgift. Oder etwas zugespitzter: Der Versuch einer «unfreundlichen Übernahme».

Vor diesem Hintergrund wirken Verschwörungstheorien, der VSD-Vorstand hätte seine Generalversammlung gegen eine Fusion manipuliert, geradezu grotesk. Vorsorgliche Kündigungen im Falle einer Fusion haben exemplarisch gezeigt, dass sich längst nicht alle Druckereien in einem Einheitsverband wieder gefunden hätten. Es gibt offensichtlich, gerade weil sich die Verbände derart unterscheiden, gute Gründe, beim einen oder beim anderen organisiert zu sein. Nur schon deshalb, weil sich die Verbände auch in ihrer Mitgliederstruktur nicht unwesentlich unterscheiden. Eine Vielfalt an Verbänden ist übrigens nichts Aussergewöhnliches, die IT-Branche hat deren vier, die Firmen in der Werbebranche sind in drei Verbänden organisiert. Die grafische Branche hat, bedingt durch die Heterogenität, insgesamt sogar sechs Arbeitgeberverbände.

Die Idee von Stärke durch Einheit mit einem einzigen Arbeitgeberverband für die Jünger Gutenbergs hat noch eine weitere Schwäche: Die illusorische Vorstellung, dass ein Monopol bei einer Interessenvertretung automatisch die besseren Resultate für die Unternehmen hervorbringt. Ich benutze an dieser Stelle den Begriff «Interessenvertretung» bewusst, weil der Begriff «Branchenvertretung» an den Realitäten vorbei zielt. Selbst Viscom als grösster Verband repräsentiert nicht einmal mehr einen Drittel der Druckereibetriebe. Der allgemein verbindliche Berufsbildungsfonds, für den ein Quorum von 30% notwendig war, kam nur durch die Erfüllungshilfe der beiden Verbände Werbetechnik und Print VWP sowie Copyprint Suisse zustande. Richtigerweise muss man im Zusammenhang einzelnen Verbänden also von Interessengemeinschaften sprechen.

Seien wir also froh und dankbar, dass wir Alternativen und eine echte Auswahl haben. Wir sollten diese Freiheit schätzen und frohlocken, dass zwei Unternehmerverbände mit unterschiedlichen Konzepten im Wettstreit stehen. Dieser Stimulus garantiert Innovationskraft, Veränderungsbereitschaft und die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen seiner Mitglieder – oder besser gesagt «Kunden». Macht und Grösse tragen den Keim von Ineffizienz und Praxisferne in sich. Unternehmer sind naturbedingt pragmatisch und sachorientiert. Für sie zählen einzig handfeste Leistungen, die eine Mitgliedschaft rechtfertigen.

Nur daran werden in Zukunft modern aufgestellte Unternehmerverbände gemessen, sonst droht der Gang in die Bedeutungslosigkeit. Diesen Nachweis müssen die jeweiligen Geschäftsstellen erbringen, mit handfesten Vorteilen für ihre Firmen. Und das tun sie offensichtlich gar nicht so schlecht, aber eben: jeder auf seine Art. Es gibt nicht «die grafische Branche», ebenso wenig gibt es eine homogene IT-, Marketing- oder Verlagsbranche. Die Komplexität in grossen Gebilden spiegelt sich in der zwangsläufigen Existenz von Interessengruppen, die unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse haben. Die Idee einer Art «Einheitspartei» erscheint mir deshalb nicht die richtige Antwort zu sein. Was die grafische Branche vielmehr bräuchte, ist ein Ende der Feindseligkeiten, die Bereitschaft der jeweiligen Verbandspitzen, die vorhandenen Gemeinsamkeiten zu benennen, den Dialog aufzunehmen und gutschweizerische Kompromisse zu suchen.

Thomas Paszti, mediaforum.ch

Persönliche Interessenbindung:
Der Autor ist Mitglied des VSD und Vorstandsmitglied des Fachverbandes publishingNETWORK

Der Text wurde in etwas kürzerer Version im Publisher 1-14 veröffentlicht…>>

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