0 image description NEWS,TECHNIK, 29, September 2014

Der Setzkasten der modernen Sammlerin

Die Voraussetzungen sind ideal, um mit dem Webdienst Pinterest Geld zu verdienen. Doch machen die Nutzer – und vor allem: die Nutzerinnen – mit?

Pinterest ist der Sonderfall unter den ­Social-Media-Plattformen. Anders als Twitter oder Facebook kommt der Webdienst fast ohne Worte aus. Im Zentrum stehen Bilder. Über 30 Milliarden davon befinden sich laut Pinterest auf der Website. Wie viele Nutzer auf der Plattform aktiv sind, sagt das Unternehmen nicht. Schätzungen aus dem vergangenen Jahr gehen von 70 Millionen aus.

Noch hat Pinterest eine kleinere Nutzerbasis als die bekanntesten sozialen Medien. Aber sein einzigartiger Ansatz verschafft Pinterest besondere Aufmerksamkeit bei Nutzern, Investoren und Werbern. Diese digitalen Vorreiter sind längst überzeugt von der Website. Die Frage ist aber: Wie vermag es die grosse Masse zu erobern?

Herzensangelegenheit

«Ich hatte keine grossen Pläne. Zu Beginn war es nur ein Werkzeug, das ich für meine Arbeit brauchte.» So beschreibt Pinterest-Gründer Evan Sharp in einem Interview mit dem «Atlantic» den Ursprung der Plattform. Sharp war damals Architekturstudent und wollte visuelle Inspirationen sortieren und speichern. Die Tausende von gespeicherten Fotos auf seinem Computer waren weder besonders übersichtlich, noch war klar ersichtlich, welches Bild was zeigte und aus welcher Quelle es stammte.

Pinterest, das er zusammen mit dem Ex-Google-Mitarbeiter und heutigen Pinterest-Chef Ben Silbermann gründete, löste dieses Problem. Trotzdem war er überrascht, als er feststellte, dass Pinterest für seine Nutzer mehr wurde als ein Arbeitswerkzeug für Kreative. Heute beschreibt er Pinterest als «die weltgrösste Sammlung von Sachen, die Menschen am Herzen liegen».

Die Wohnung digital einrichten

Auf den ersten Blick sieht Pinterest aus wie ein Setzkasten oder ein Sammel­album. Seine Nutzer, laut Schätzungen rund zwei Drittel davon Frauen, sammeln im Internet Bilder und ordnen sie Kategorien zu. Das Spektrum reicht von Kochrezepten über Möbel, Mode bis zu Sportwagen und Häusern. Doch der erste Eindruck trügt.

Pinterest ist nicht nur eine Plattform für Sammelwütige, sondern eben auch dieses Werkzeug, das Evan Sharp etwa für seine Architekturinspirationen brauchte. Wer zum ­Beispiel eine neue Wohnung einrichten möchte, findet auf Pinterest mehr Einrichtungsideen als in jedem Wohnmagazin. Hat man die Sachen zusammen­getragen, die einem gefallen, erhält man eine grobe Vorstellung davon, wie die Wohnung aussehen könnte.

Der Mehrwert von Pinterest liegt darin, dass es nicht nur Bilder, sondern auch Links dazu speichert. Das Unternehmen nennt diese Kombination aus Bild und Link «Pins». So lässt sich bei jedem gespeicherten Bild auch nachträglich erfahren, was es damit auf sich hat. Man sieht nicht nur ein Foto einer Suppe, sondern kommt mit einem Klick – im Idealfall – direkt zum Rezept. In der Realität scheitert das noch häufig an den Sprachgrenzen. Fotos mögen eine universelle Sprache sprechen, die Texte dahinter tun es nicht. Fremde Sprachen und Masseinheiten machen das Nach­kochen schwierig.

«Grösser, wertvoller»

Wer sich in den vergangenen Jahren für das Geschäftsmodell von Pinterest interessierte, konnte auf der Website Fol­gendes nachlesen: «Im Moment konzentrieren wir uns darauf, Pinterest grösser und wertvoller zu machen. Wir finanzieren uns über Investoren.» Der Plan ist aufgegangen. Rund 750 Millionen Dollar haben Investoren bereits in Pinterest gesteckt.

Anders als bei vielen neuen und gestandenen Unternehmen liegt die Idee bei Pinterest auf der Hand. Während Twitter und Facebook Werbung unter die Nachrichten mischen und Google Suchresultate und E-Mails mit Werbung garniert, muss Pinterest seine Nutzer nicht mehr zum Kaufen anregen. Wer eine Wohnungseinrichtung zusammenstellt, will wohl auch eine kaufen.

2012 führte Pinterest eine Methode ein, bei der es via Verkaufsprovisionen von Verlinkungen zu Onlineshops profitierte. Nach Kritik von Nutzern und Medien wurde das Projekt wieder eingestellt. Seit diesem Mai experimentiert Pinterest in den USA mit Werbe-Pins von ausgewählten Firmen. Dieser Test geht nun in eine neue Phase. Am letzten Mittwoch informierte Pinterest seine Nutzerinnen und Nutzer – auch in der Schweiz –, dass am 19. Oktober die Datenschutzrichtlinien wegen der Werbe-Pins geändert würden. Bis diese Werbe-Pins auch in der Schweiz auftauchen, dürfte es aber noch dauern.

Laut Jan Honsel, dem verantwortlichen Pinterest-Manager, dauere die Aufbauphase in der Schweiz und Deutschland noch 18 bis 36 Monate. Erst danach werde man die Monetarisierung angehen. Entscheidend für den ­Erfolg dieser Finanzierungsstrategie wird sein, wie gut es Pinterest gelingt, die Interessen von Werbern und Nutzern unter einen Hut zu bringen. Dass Pinterest diesen Spagat sehr vorsichtig angehen muss, ist Evan Sharp klar: «Wenn wir anfangen, kommerziellen Druck aufzubauen, kann das den Kern von Pinterest ruinieren.»

Menschliche Suchmaschine

Geldverdienen ist für das Unternehmen aber nur ein Zwischenschritt. Pinterest hat bereits ein grösseres Ziel im Auge: die Internetsuche. Während Google für seine Suchresultate das ganze Internet mit Programmen automatisch Kartografiert, hat Pinterest seine Nutzerinnen und Nutzer, die das Internet nach interessanten Sachen durchforsten. Vor dem Hintergrund darf man gespannt sein, wie sich Pinterest weiterentwickeln wird. Wird es zum grössten Shoppingkatalog der Welt? Entwickelt es sich zu einer neuen Generation von Suchmaschine? Oder verschwindet es in der Versenkung, weil es seine Nutzerinnen und Nutzer mit zu viel Werbung vertrieben hat?

Autor: Rafael Zeier
Zweitverwendung aus einem Beitrag von Tages Anzeiger Digital…>>
Foto des Artikel: Reto Oeschger

Pinterest als Designprinzip – Kacheloptik wird nachgeahmt

Pinterest hat vor zwei Jahren im Internet eine kleine Designrevolution ausgelöst. Das charakteristische Layout mit den nach Spalten angeordneten Fotokacheln von unterschiedlicher Höhe wurde und wird von vielen Gestaltern für bildlastige Sites adaptiert. Google Plus präsentiert seit Mai 2013 die Beiträge aus dem sozialen Netzwerk in der Kästchenanordnung. Die Fotoplattform Flickr hat sich bei ihrem letzten Redesign ebenfalls daran orientiert, inklusive «end­loser» Scrollmöglichkeit nach unten. Faktoren für den Erfolg des Designs gibt es mehrere: Das Design funktioniert am grossen Desktop-Bildschirm genauso gut wie auf Mobilgeräten. Ausserdem werden alle Elemente gleichrangig angeordnet. «Das Design verflacht die Informationshierarchie», sagte ein Designer der E-Book-Tauschplattform Lendle.me in einem Beitrag von «Mash­able». Bloggerin Erin Griffith schrieb, das Pinterest-Paradigma verzettle zwar das Web. Aber es bringe «chaotische Schönheit» als eine Art «Anti-Algorithmus».

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