1 image description GRUNDBILDUNG,NEWS,TECHNIK, 9, November 2015

Kompetente Fachleute gesucht…

Für Manfred Dubach, Inhaber einer Agentur für Foto-, Grafik- und Webdesign, wird die Suche nach qualifiziertem Fachpersonal zur unfreiwilligen Odyssee. In einer Kolumne im Publisher beschreibt er seine Feststellungen. Kolumne publisher 4-2015…>>

Bei der Prüfung von Bewerbungen trat bei ihm grosse Ernüchterung auf und sein Fazit ist vernichtend: «Es ist erschreckend, wie mässig so genannte Fachleute ausgebildet sind. Ein Polygraf, ausgebildet in einer Druckerei, ist in einer Kommunikations- oder Werbeagentur mit seinem spärlichen fachlichen Rucksäckli oft kaum einsetzbar.» Ein «tragfähiges Wissensfundament» ist offenbar nicht vorhanden und er fragt sich «Was taugen die Ausbildungskonzepte dieser Branchen wirklich?» und «Wer oder was ist schuld daran?»

Was stimmt nicht in der Ausbildung der Polygrafinnen und Polygrafen?
Manfred Dubach ist nicht allein mit seiner Kritik. Erfahrungen in der höheren Berufsbildung zeigen ein ähnliches Bild. Die Ursachen und Gründe dafür sind aus meiner Sicht vielschichtig. Nur soviel vorweg, es liegt klar nicht an den Ausbildungsverantwortlichen in den Betrieben, den Berufsschullehrpersonen und den Inhalten der Lehrmittel und auch nicht an mangelnder Intelligenz bzw. ungenügendem Leistungsvermögen der jungen Lernden. Was stimmt denn da nun wirklich nicht? Für mich sind zwei Gründe dafür ausschlaggebend.

1. Ungenügende Vernetzung von Theorie und Praxis!
Zahnräder_blog

Theorie und Praxis greifen nicht ineinander

Die in der Bildungsverordnung für die Polygrafinnen und Polygrafen festgelegten Handlungskompetenzen können von vielen Ausbildungsbetrieben, je nach Ausrichtung, nur teilweise abgedeckt werden. Wie sollen sich Auzubildende berufliche Handlungskompetenzen aneignen können, wenn sie in der Praxis nie angewendet werden? Die grösste Stärke der dualen beruflichen Bildung – die reale Vernetzung von Theorie und Praxis – geht unter diesen Voraussetzungen verloren. «Wer schwimmen lernen will, muss ins Wasser.» Mit reinen «Trockenübungen» lassen sich die hochgesteckten Leistungsziele in der Bildungsverordnung unmöglich erreichen.

2. Lernstruktur erschwert den Lernerfolg!

Nach Vorgabe des Bildungsplanes für die Polygrafie müssen in den Berufsfachschulen im ersten Ausbildungsjahr über 70% der Inhalte unterrichtet werden. Das Spektrum ist sehr vielfältig und umfasst insgesamt 26 Themenbereiche. Dazu kommen noch zwei Landessprachen und die Allgemeinbildung.

Stoffverteilung

Für den Lernprozess ungünstige Verteilung der (zu)vielen Themen

Nach nur einem Ausbildungsjahr sollen die Lernenden dann u.a. in der Lage sein, auf höchstem Anspruchniveau Print- und Screenprodukte zu gestalten, Layoutoptimierungen vorzunehmen und Texte nach allen Regeln der Typografie zu bearbeiten. Bei allem Wohlwollen, aber das kann so nicht funktionieren. Unter diesen Voraussetzungen ist ein nachhaltig vernetztes Lernen unmöglich. Diese Fülle an Themen in so kurzer Zeit sind lerntechnisch nicht «verdaubar». Ausserdem wird der Lernerfolg massiv beeinträchtigt durch die fehlende Zeit für Anwendungen/Vertiefungen und den nicht vorhandenen Bezug zur praktischen Arbeit im Betrieb.

3. Fazit
Wirkungsvollen Handlungskompetenzen können nur dann erlangt werden, wenn die theoretischen Erkenntnisse mit praktischen Anwendungen und Erfahrungen vernetzt sind. Und das ist ja wahrlich nichts Neues. Ein reines «abfüllen» von Wissen, in hochkonzentrierter Dosis, ist langfristig wirkungslos. Lernen muss kontinuierlich, aufbauend und verträglich dosiert sein. Auch das ist keine neue Erkenntnis.

Für eine zukünftig erfolgreiche Ausbildung von Polygrafinnen und Polygrafen stehen deshalb zwei Massnahmen im Vordergrund:
1. Rekrutierung von neuen Ausbildungsbetrieben, welche die Handlungskompetenzbereiche der Bildungsverordnung in der praktischen Arbeit breiter abdecken.
2. Eine verträgliche Verteilung der Lerninhalte und -ziele über die ganze Ausbildungszeit.

Autor: Fritz Maurer, Eidg. dipl. Techniker HF Polygrafie, eidg. dipl. Berufsschullehrer und Ausbildner für Bildbearbeitung, Colormanagement und Qualitätssicherung

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LESERBEITRÄGE

Polygraf, 24, 17. November 2015, 11:23

Bin grundsätzlich einverstanden mit diesem Beitrag.

Die Ursache fängt meines Erachtens ganz oben an. Der Beruf Polygraf, durch den Medienwandel x-fach umstrukturiert, verliert zunehmend an Wert. Dies liegt auch an den schockierend langweiligen Arbeitsverhältnissen in manchen Druckereien. Ein Polygraf, welcher soeben die Lehre abgeschlossen hat und sich darauf freut, endlich richtig zu arbeiten, wird oftmals mit PDF-Kontrolle und Routine-Arbeiten vergrault. Entschuldigung, da versteh ich die vielen Quereinsteiger. Ein, zwei Kurse in der Migros-Klubschule und jeder kann diese Arbeit übernehmen – warum also vier Jahre lernen?

So weit so gut, warum dann nicht einfach in eine Werbeagentur oder eine grössere Druckerei wechseln? Naja, wäre eine tolle Sache, nur wurde ja der Beruf des Polygrafen bereits vor einigen Jahren (entgegen dem Willen der Schüler) in «Gestalter» und «Produktiönler» aufgeteilt (heute Screen und Print). Als letzterer steht man nun vor einer ziemlichen Herausforderung. Denn wer in der Druckerei kaum Gestaltungsarbeiten übernehmen konnte, wird es schwierig haben, ein aussagekräftiges Portfolio vorzuweisen. Hier gilt: Eigeninitiative. Der Mensch neigt dazu, mehr zu leisten, wenn ihm eine Chance vor Augen geführt wird. Eine Chance wäre also das, was die jungen Polygrafen bräuchten. Und was macht der Verband? Er ruft mit dem Interactive Media Designer einen neuen Lehrgang in Leben, welcher 1. digital und 2. gestalterisch orientiert ist. Also mehr oder weniger das, was ein Polygraf in komprimierter Form gerne sein würde – Autsch!

Aber es wird noch besser kommen. Ein weiterer neuer Lehrgang ist geplant. Wieder einer, der auch Teilkompetenzen des Polygrafen beinhaltet. Aber dessen Kommunikation überlasse ich gerne dem Verband. Nur eines möchte ich noch anfügen: Wenn der Polygraf systematisch von ganz oben immer weiter «entwertet» wird, dann lasst es doch bitte komplett sein! Schmeisst den Beruf in den Müll. Denn während der Beruf in Tat und Wahrheit immer weiter an Kompetenzen und somit Attraktivität einbüsst, wird er online auf berufsberatung.ch nach wie vor als kreativer Beruf dargestellt (Fassung 2015!) Zitat: «Ob Buch, Broschüre oder Tageszeitung, Website, Trailer oder App: Polygrafen sorgen dafür, dass Print- und Screenmedien ein ansprechendes Layout haben und in der richtigen Datenform für die Weiterverarbeitung vorliegen.» Möchte nicht die enttäuschten Gesichter der Jugendlichen sehen, wenn sie die «so tolle» Lehre beginnen.

Schockiert ab dem «tiefen Niveau» der ausgebildeten Polygrafen muss man übrigens nicht sein. Wer das praktische Qualifikationsverfahren kennt, der weiss, woran es liegt. Eine Prüfung, bei welcher es schwieriger ist durchzufallen, als zu bestehen, ist keine wirklich gute Voraussetzung für qualifiziertes Personal.

Übrigens: bin mit meinen 24 Jahren noch ein eher junger Polygraf und habe vor kurzem die Branche verlassen. Warum? Keine Perspektiven! Keine Unterstützung für Weiterbildungen! Kein Interesse für Innovation!

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