1 image description NEWS, 1, Juni 2017

Wo bleibt die Glaubwürdigkeit?

Über Jahre hinweg war für den Arbeitgeberverband Viscom die Sozialpartnerschaft mit dem dazugehörigen Gesamtarbeitsvertrag GAV ein Kernanliegen und wurde äusserst hochgehalten. Es war schliesslich derart zentral, dass Viscom – zusammen mit den Sozialpartnern syndicom und Syna – bei der Erneuerung des aktuellen GAV die Allgemeinverbindlichkeit angestrebt haben. (Artikel der ersten Sitzung…>>) Somit hätte der Gesamtarbeitsvertrag auch all jene Druckereibetriebe erfasst, die nicht Mitglied des Verbandes Viscom sind. Die Gewerkschaften haben diese Kehrtwende des Viscom gar als Verhandlungserfolg kommuniziert. Das Eigenartige an dieser Zielsetzung für eine Allgemeinverbindlichkeit des GAV ist jedoch die Tatsache, dass das nötige Arbeitgeberquorum von 50% zu keiner Zeit gegeben waren – der Verband der Schweizer Druckindustrie hat beim Seco auf diesen Umstand hingewiesen. Das gab Viscom schliesslich zu und zog kürzlich das Gesuch für einen allgemeinverbindlichen GAV beim Staatssekretariat für Wirtschaft zurück. Die Gewerkschaften reagierten empört und unterstellt Viscom in einer Verlautbarung, die Vereinbarungen im GAV zu missachten. Der Betrachter bleibt ratlos zurück und fragt sich, wie es möglich ist, dass Viscom und die Gewerkschaften auf derartigen Fehlannahmen GAV-Verhandlungen führen konnten.

Schon bei der Inkraftsetzung des Allgemeinverbindlichen Berufsbildungsfonds hat Viscom das dafür notwendige Quorum von 30% nur dank des Einbezugs weiterer Verbände (VWP und COPYPRINTSUISSE) knapp erreicht. Bei der ersten Eingabe an das das Staatsekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI hat Viscom noch mit falschen Zahlen gerechnet, was schliesslich zu Mindereinnahmen von CHF 4.5 Millionen gegenüber dem ersten budgetierten Ergebnis führte. Das Resultat waren schon wenig später massiv höhere Beiträge der Firmen an den Berufsbildungsfonds, statt CHF 200 mussten pro Jahr CHF 300 je unterstellten Mitarbeiter entrichtet werden, weil die erhobenen Beiträge die vorgesehenen Ausgaben nicht decken konnten. Im Umgang mit exakten Zahlen scheint sich Viscom offensichtlich etwas schwer zu tun, auch bei den Gewerkschaften ergeben sich diesbezüglich Fragezeichen.

Bei der von Viscom angestrebten Fusion mit dem VSD vor ein paar Jahren sprachen die beiden Verbände auch offen über den GAV und dessen Gültigkeitsbereich. Viscom hat dem VSD in den ersten Gesprächen versichert, eine künftige Mitgliederlösung finden zu wollen, bei der eine Verbandsmitgliedschaft sowohl mit als auch ohne Einhaltung des GAV möglich sein würde. Die VSD-Mitglieder haben die Fusion abgelehnt. Für die Mitglieder des VSD ist die Vertragsfreiheit ohne GAV-Verpflichtung ein zentrales Anliegen. Ob sie geahnt haben, dass Viscom nur kurze Zeit später zusammen mit den Gewerkschaften ein Gesuch zur Allgemeinverbindlicherklärung des GAV einreichen wird, um den GAV allen Unternehmen aufzuzwingen?

Heute so, morgen so, und übermorgen wieder anders – einfach, wie es gerade so passt: Anlässlich der Delegiertenversammlung von Viscom vom 12. Mai 2017 in Locarno wurde beschlossen, den Verband zu öffnen und künftig eine Viscom-Mitgliedschaft auch ohne Einhaltung des GAV möglich zu machen. Dies ist eine neuerliche Kehrtwende, und es stellt sich zu Recht die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit von Viscom als Vertragspartner – ganz allgemein wie auch für die Gewerkschaften und die Viscom-eigenen Mitglieder.

René Theiler
Projektleiter Technik

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LESERBEITRÄGE

Josef Kalt, 8. Juni 2017, 4:15

Sehr geehrter Herr Theiler
Vorab, ich schätze Sie und Ihre Arbeit sehr. Ich bin auch nicht mehr VISCOM-Mitglied. Trotzdem bin ich immer noch der Meinung, die ich Ihnen früher (sehr viel früher – vor vielen Jahren) schon mitgeteilt habe, dass es endlich Zeit ist zusammen zu gehen. Es hilft gar nichts, wenn Sie nun wieder auf dem VISCOM herumhacken, auch wenn er nicht immer die „richtige“ Politik betreibt. Vielleicht könnten Sie und Ihr Verband ja etwas „vorbildlicher“ sein und dazu beitragen, dass man besser miteinander reden kann und die fantastische Zukunftsvision von einem Verband für alle Druck-Arbeitgeber Wirklichkeit wird.
Mit freundlichen Grüssen
Josef Kalt

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